Bern: Ihre nächste Notfallstelle befindet sich ...
Im Jahr 2024 wurde der Rettungsdienst von Schutz und Rettung Bern täglich durchschnittlich 60-mal beansprucht, ähnlich wie im Vorjahr. Welcher Art waren diese Notfälle? Was bedeutet dies für unser Gesundheitswesen? Können diese Notrufe verhindert oder zumindest reduziert werden?
Unser Gesundheitswesen muss sich neu definieren. Der Startschuss für die Suche nach einer kostendeckenden Neupositionierung wurde unter anderem durch Corona ausgelöst. Der Reihe nach.
Notfalleinsätze: Das sagt die Statistik
Die "Berner Zeitung" schreibt im Artikel "Volle Notfallstationen sind eine Herausforderung für Rettungsteams" vom 31.1.2025, dass die Berufsfeuerwehr 2024 2'900-mal und der Rettungsdienst über 21'700-mal aufgrund von Notfällen ausrücken musste. Die Sanitätsnotrufzentrale (144) disponierte gut 51'600 Einsätze, die Notrufzentrale der Feuerwehr (118) über 9'400.
Das klingt nicht nur nach viel, es ist viel! Entsprechend sind die Notfallstationen herausgefordert. Es kommt zu langen Wartezeiten.
Samariter.ch meldet für das gleiche Jahr 7'200 Notfälle mit einem Herz-Kreislauf-Stillstand. Der Rettungsdienst des Luzerner Kantonsspitals (LUKS) hat kurz vor Jahresende die Grenze von 20'000 Einsätzen geknackt. Etwa im gleichen Rahmen war die Rega im Einsatz.
Dort rechnet man aufgrund des Freizeitverhaltens der Bevölkerung noch mit einer Zunahme. Viele gehen wandern, biken oder skifahren, immer wieder auch mit einer erhöhten Risikobereitschaft.
Im Jahr 2022 erfolgten mehr als 654'000 Eintritte aufgrund eines Notfalls in ein Schweizer Spital.
654'000 Eintritte. Wie viele davon hätten wohl verhindert oder im Ausmass reduziert werden können? Kann durch eine andere Organisation oder andere Abläufe der Notfall entlastet werden?
Der Notfall muss entlastet werden!
Den Notfall entlasten: Das ist auch ein politisches Thema. So wurde 2017 in den Räten ein Beschluss gefasst (parlamentarische Initiative 17.480), dass "alle Patienten, die eine Spitalnotfallpforte aufsuchen, vor Ort eine Gebühr von beispielsweise 50 Franken bezahlen müssen".
Da diese Gebühr nicht verfassungskonform ist, sucht man andere Wege. Zum Beispiel, den Selbstbehalt nach jeder Konsultation der Spitalnotfallaufnahme zu erhöhen. Damit will man den Notfall vor Bagatellen entlasten. (Quelle: helsana.ch "Bagatellfälle in der Notfallstation: Problem oder Scheinproblem?") Die Umsetzung ist immer noch hängig - jedoch wird sie mit jedem verstrichenen Tag notwendiger!
Eines steht fest: Der Notfall könnte wesentlich entlastet werden, wenn PatientInnen für Bagatellfälle wieder zum Hausarzt gehen würden.
Diese Selbstverständlichkeit wäre für das Gesundheitssystem als Ganzes und natürlich auch für alle in der Schweiz wohnhaften Menschen wesentlich günstiger.
Gründe für Notfalleinsätze
Im Artikel "Mückenstich oder Sonnenbrand - das sind die Bagatellfälle in den Notaufnahmen" in der Berner Zeitung vom 14.9.2022 werden solche Bagatellfälle beim Namen genannt. Das Universitäre Kinderspital beider Basel (UKBB) stuft die Fallschwere in fünf Stufen ein, dem sogenannten "Emergency Severity Index".
70 % der Fälle machen Stufe 3 und 4 aus - die sogenannten klassischen Fälle für den Hausarzt!
(Quelle: luzernerzeitung.ch, "Überfüllte Notfallstationen: Jeder Dritte könnte auch zum Arzt")
Weitere Gründe
- Spontane Spitalkonsultationen finden meistens am Sonntagnachmittag statt, weil es den PatientInnen dann zeitlich passt.
- An Wochenenden sind die Praxen der HausärtzInnen geschlossen.
- HausärtzInnen-Mangel fördert den Zulauf zu den Notfallstationen.
- Immer mehr ältere PatientInnen suchen den Notfall auf.
- Bettenmangel in den Akutspitälern fördert diese Tendenzen.
- Fehlende Nutzung der angebotenen Krankenkassen-Dienste: Chat- oder Telefondienste, der oft rund um die Uhr erreichbar sind.
Nach dem Motto: Dann geht man doch schnell in den Notfall: besser einmal zu viel als zu wenig ...
Bei Verdacht auf Notfall
Zurück zum Rettungsdienst in Bern.
- Das Einsatzgebiet umfasst neben der Stadt Bern noch 37 weitere Gemeinden in der Region.
- Die Einsatzfahrzeuge legten total 466'794 Kilometer zurück.
- Bei Einsätzen mit Verdacht auf Lebensgefahr war der Rettungsdienst in 87 Prozent der Fälle innerhalb von 15 Minuten vor Ort.
- Im Durchschnitt erreichte Schutz und Rettung bei lebensbedrohlichen Erkrankungen den Einsatzort innerhalb von 10,5 Minuten.
Die Basis ist bereit. Da sind RettungssanitäterInnen, die zur Zeit und zur Unzeit für uns unterwegs sind. Die oft auch viel Unverständnis aushalten müssen. Es geht um Kompetenz, Flexibilität und die Bereitschaft, Not anderer Menschen auszuhalten. SRF.ch berichtet im Artikel "Für Rettungssanitäter werden Schichten zunehmend länger" vom 22.03.2024 von Rettungsdiensten, die sich gegenseitig aushelfen und immer mehr und intensivere Schichten erleben.
Wie in jedem anderen Beruf, bei dem die Anforderungen sehr hoch sind oder zunehmend steigen, hat dies Auswirkungen. Die sogenannte "Berufsverbleibstudie" (17.5.2024) des Interverbands für Rettungswesen (IVR) zeigt die Einflussfaktoren für den Verbleib oder den Ausstieg aus dem Beruf als Dipl. Rettungssanitäterinn und Dipl. Rettungssanitäter HF auf.
Gründe für einen Ausstieg aus dem Rettungsdienst
Unterbruch
- Nichterwerbstätigkeit inkl. Elternzeit (36,8 %)
- Reisen (34,2 %)
- Aus-, Fort und Weiterbildung (23,1 %)
- Gesundheitliche Gründe (14,5 %)
Ausstiege
- fehlende Karrieremöglichkeiten (15,8 %)
- Arbeitszeiten bzw. Schichtdienst (15,3 %) und Lohn (10,9 %)
- Physische und psychische Arbeitsbelastung 7,7 (7,3 %)
Das Gesundheitswesen betrifft uns alle
Dass der Staat für ein funktionierendes Gesundheitswesen zu sorgen hat, ist sehr zu begrüssen. Dass Kennwerte geschaffen werden, um schleichende be- oder entlastende Entwicklungen aufzuzeigen, ebenfalls.
Was das Gesundheitswesen nicht werden darf, ist ein Hotelbetrieb, wo alle Erwartungen erfüllt werden. Und natürlich auch keine Goldgrube für gerissene Geschäftsleute.
Unfälle passieren und Krankheiten können jeden treffen. Einiges davon ist bei genauerem Hinsehen vermeidbar. Die Erwartung eines Rundum-sorglos-Pakets vom Gesundheitswesen ist weder berechtigt noch erfüllbar.
Es muss im Interesse aller sein, unsere Gesundheit in erster Linie präventiv zu erhalten. Dazu gehören ein umsichtiger Umgang in Beruf und Freizeit (Unfälle),
- regelmässige Bewegung,
- eine gesunde Ernährung,
- aufbauende soziale Kontakte sowie
- genügend Schlaf.
Kurzum: Basics - sind für alle einigermassen umsetzbar.